Nächster Anschluss: Abstellgleis

Dass die ÖBB seit einigen Jahren (oder sind es schon Jahrzehnte?) nur auf lukrative Strecken, sprich vor allem die Westbahn setzen und die weniger lukrativen Strecken vernachlässigen, ist nicht neu. Dass sie Nebenbahnen einstellen, auch nicht unbedingt. In der Zwischenzeit sollte sich aber herumgesprochen haben, dass wir mitten im Klimawandel stecken und etwas dagegen unternehmen sollten, und dass Österreich sich jüngst nicht besonders in CO2-Einsparung hervorgetan hat. Klar ist auch, dass Erdöl knapper und knapper werden wird und damit immer teurer, bis es sich Durchschnittsverdiener überhaupt nicht mehr leisten können. Was schließen wir also daraus? Richtig, die Bahn wird immer bzw. wieder wichtiger.

Und was tun die ÖBB? Sie verscherbeln offenbar Nebenbahnstrecken, bis wahrscheinlich nichts mehr übrig bleibt. Georg Renner schreibt in einem Kommentar in der Presse vom 26.2.2010, dass das Land Niederösterreich mit Beginn des Jahres 2011 28 Bahnstrecken mit 600 Kilometern Geleisen für 65 Millionen Euro von den ÖBB übernehmen wird. Bis zur Übergabe investieren laut Renner Land, Bund und die ÖBB noch 140 Millionen Euro in die Sanierung der Strecken. Opposition und Bürgerinitiativen fürchten jetzt, dass das Land unrentable Strecken wie die Ybbstalbahn, die Mariazeller- oder die Donauuferbahn einstellen werden. Das Land Niederösterreich hatte bisher darauf geantwortet, man prüfe alle Möglichkeiten.

In der Landtagssitzung vom 25.2. sei die wichtigste Information zur Zukunft der Nebenbahnen in Niederösterreich in einem Zwischenruf von Landeshauptmann Erwin Pröll gefallen, schreibt Georg Renner in seiner Marginalie, in der er auch bemängelt, dass die Sitten im niederösterreichischen Landtag schon einmal besser gewesen seien. Pröll habe gemeint, dass jeder, "Privatperson, Institution oder Partei" Strecken betreiben könne, wenn er ein entsprechendes Angebot lege. Wer möchte, dass zukünftig Züge an die Peripherie fahren, muss sie also selbst finanzieren.

Was heißt das nun? Die Gemeinden müssen sich ihre Bahnstrecken selbst finanzieren, wenn sie nicht völlig den Anschluss an die Landeshauptstadt, die Bezirkshauptstädte, die Schulstädte und Betriebe verlieren wollen? Die Gemeinden? Die Gemeinden, die bereits ausgehungert und ausgedünnt wurden durch die Schließung von Postämtern und einst Gendarmerie-, jetzt Polizeiposten? Die "verkehrsberuhigt" wurden durch Schnellstraßen- und Autobahnbau, wodurch noch mehr Lärm außerhalb der Ortskerne entstanden ist und die Gasthäuser und Geschäfte im Ort jetzt kein Geschäft mehr machen? Die vielfach mehr oder weniger pleite sind?

Ja ja, natürlich, es wird halt in Zukunft Autobusse geben. Wird es? Im Triestingtal gab es einst eine Bahn, mit der man von der Südbahn in Leobersdorf bis nach St.Pölten fahren konnte. Über die Geschichte der Leobersdorferbahn gibt es sogar einen Artikel in Wikipedia. Aus der angefügten Streckenübersicht ist auch erkennbar, dass die Strecke sukzessive stillgelegt wurde. Seit 2004 fährt die Bahn nur mehr bis Weißenbach-Neuhaus, dann muss man in den Bus umsteigen. Wer am Wochenende einen Besuch, eine Wanderung oder einen Ausflug ins Triestingtal machen möchte, hat jedoch Pech. Wenn keine Schule ist, bleibt im Prinzip nur der Mariazeller-Bus, und der fährt nicht sehr häufig und es keine ÖBB Vorteilscard classic (nur Senioren und Familie) akzeptiert, obwohl "ein Unternehmen der ÖBB" draufsteht.

Abgesehen davon, dass Autobusse - man möge mich korrigieren, wenn ich falsch liege - mehr (fossile) Energie verbrauchen und mehr CO2 verursachen, als die Bahn, ist die Einstellung von Nebenbahnen und Bahnstrecken allgemein der Weg in die absolut falsche Richtung. Wo eine Bahnstrecke bereits besteht, sollte man sie nicht einfach verfallen lassen oder - bewahre! - vielleicht sogar abbauen, weil damit unglaublich wertvolle und einst mit viel Mühe und viel Geld errichtete Infrastruktur zerstört wird, die wir in einer Zeit, in der die ÖBB endlich gescheiter geworden sind oder wir gar nicht mehr anders können, dringend brauchen werden.

Eine intakte und in sinnvoller Frequenz und Qualität betriebene Bahnstrecke ist sehr wichtig für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung einer ländlichen Region. Nicht jede/r, die/der auf dem Land wohnt, hat ein Auto oder einen Führerschein, und nicht jede/r hat dieses Auto jederzeit verfügbar oder kann damit fahren. Was, wenn das Auto in Reparatur ist oder man sich den Fuß gebrochen hat? Was ist mit Kindern und Jugendlichen - auch außerhalb der Schulzeiten? Was ist mit Güter-Transporten? Die müssen dann ja auch alle mit dem PKW bzw. LKW fahren. Was ist mit der Lärm- und Luftverschmutzung, die von Auto- und LKW-Verkehr verursacht werden? Was mit den Unfällen? Wer zahlt die Erhaltung und den Bau von Straßen?

Wir können es uns einfach nicht LEISTEN, Bahnlinien einzustellen. Ich bin grundsätzlich gegen Privatisierung um jeden Preis. Aber wenn die BUNDESbahnen und die LANDESregierung nicht in der Lage sind, die grundlegendsten Infrastrukturen aufrechtzuerhalten und zeitgemäß zu betreiben, dann sollten wir Genossenschaften oder Vereine gründen und diese Infrastrukturen selbst betreiben. Okay. Eines aber frage ich: Wenn wir uns ohnehin privatwirtschaftlich um alles selbst kümmern müssen, wofür zahlen wir dann noch Steuern?

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