Zum Thema "Blogjournalismus"

Martin Weigert hat heute in netzwertig.com über den deutschen Journalisten und Blogger Richard Gutjahr geschrieben, der am Montag 31.1. nach Kairo geflogen war und bis zu seiner überstürzten (?) Abreise heute Nachmittag (2.2.) in seinem Blog G! gutjahr's blog über den Aufstand gegen Hosni Mubarak schrieb.

Weigert meint, Gutjahr breche mit seiner Blog- und Twitter-Berichterstattung aus Ägypten "eine Lanze für alle, die sich für neue Formen von Journalismus und publizistischer Arbeit im digitalen Zeitalter einsetzen". Gutjahr würde dem Thema Blogging und dem Journalismus der Zukunft einen "enormen Dienst" erweisen, die journalistische Arbeit "kräftig durcheinander wirbeln" und er hoffe, dass Gutjahr ein Vorbild für andere Journalisten sein werde. Und er schreibt, das sei "nach meiner Beurteilung der erste Fall jemals, bei dem in der Berichterstattung über ein Ereignis von weltpolitischer Bedeutung ein unabhängig arbeitender Blogger den etablierten Medien mit einer umfangreichen Vor-Ort-Reportage ernsthaft Konkurrenz macht."

Ich finde die Diskussion über "Blogger versus Journalisten" generell kontraproduktiv und nervig, außerdem geht sie völlig an der Sache vorbei, wenn es um die Zukunft des Journalismus geht. Wer Blogger quasi als die besseren Journalisten darstellt, hat erstens meist keine Ahnung, was Journalismus ist, worauf es dabei ankommt und warum eine Demokratie (richtigen und guten) Journalismus braucht und hat weiters nicht verstanden, wo die Probleme des Journalismus heutzutage liegen. Wer seitens des Journalismus auf Blogger, Twitter, Facebook usw. losgeht, hat zumeist nicht verstanden, worum es bei diesen Plattformen und Werkzeugen geht. Und beide haben nicht verstanden, dass man das Werkzeug nicht mit dem Inhalt verwechseln darf.

Zum konkreten Fall gibt es aber noch mehr zu sagen, was ich versucht habe, als Kommentar an Weigerts Text anzufügen. Da mein Kommentar bisher dort nicht veröffentlicht wurde, veröffentliche ich ihn hiermit in meinem eigenen Blog (!):

Ich kann die hier geäußerte Begeisterung für Richard Gutjahrs Blog aus Kairo nicht ganz nachvollziehen. Richard Gutjahr ist laut seiner eigenen Website und seinem CV ein ausgebildeter Journalist, der seit 1993 schon in zahlreichen Medienunternehmen und Medienbereichen gearbeitet hat. Er lebt nach eigenen Angaben zum Teil in Tel Aviv und schreibt selbst in seinem Blog, dass er quasi nur 150 km Luftlinie von den Ereignissen entfernt war. Außerdem schreibt er auf seiner Website, dass er beim Fall der Mauer in Berlin in den USA gewesen war und damals beschlossen hatte, Journalist zu werden. Sein Traum sei es, heißt es weiter “eines Tages selbst einmal von fallenden Mauern zu berichten. Es sind noch viele übrig, die meisten in unserem Kopf.”
Richard Gutjahr hat nun also die Chance genützt, seinen Traum zu verwirklichen, denn in Ägypten wird derzeit unbestreitbar Geschichte geschrieben. Jeder Journalist, der seinen Beruf mit Begeisterung und Überzeugung ausübt (und das sind doch einige), würde dort sein wollen, wo wichtige und aufregende Dinge passieren, und die Chance nützen, wenn es möglich ist.
Richard Gutjahr war nicht ganz drei Tage lang in Kairo und hat in seinem Blog beschrieben, was er gesehen hat und was ihm die befragten Leute erzählt haben. Seine Beschreibungen tragen sicherlich zum Bild der Ereignisse bei, aber sie wären allein nicht ausreichend. Gerade bei solchen Ereignissen ist es gut, wenn wir uns über verschiedenste Quellen informieren.
Jedenfalls hat er um ca. 15 Uhr Ortszeit getwittert, dass er Kairo verlässt und nach Deutschland fliegt, weil es ihm “zu heiß” wird. Die “richtigen” Journalisten, die dort auf Auftrag für Medienunternehmen arbeiten, bleiben dort und werden weiterhin berichten.
Ein Blog ist eine Plattform zum Veröffentlichen von Texten, Bildern, Video, Audio usw. Das Werkzeug selbst sagt nichts über die Inhalte aus, ich kann damit genauso ein sehr privates Tagebuch veröffentlichen wie kitschige Gedichte oder einen exzellent recherchierten und geschriebenen Artikel. Die Unterscheidung zwischen Blog und “klassischem Medium” ist daher einfach willkürlich und nicht aussagekräftig und lässt für sich betrachtet noch kein Qualitätsurteil zu – weder für das eine, noch für das andere.
Ich fände es nicht erstrebenswert, dass Richard Gutjahr “anderen Journalisten als Vorbild dient”. Erstens gibt es genug Journalisten, die auch bloggen. Zweitens gibt es genug Journalisten, die als Freie arbeiten und auf eigene Faust unterwegs sind. Drittens könnten wir mit lauter Einzelgängern keine ausreichende Berichterstattung gewährleisten, schon gar nicht aus Krisengebieten. Von dort zu berichten erfordert Können, Wissen, Kontakte, Unterstützung vor Ort und aus der Heimatredaktion, technische Infrastruktur, Geld, die Unterstützung der Heimat-Botschaft oder von Rechtsanwälten (in Kairo wurden am Montag zB ausländische JournalistInnen verhaftet und ihr Drehmaterial konfisziert), eine Kranken- und Lebensversicherung und und und. Das ist kein Spaziergang und es wäre auch unverantwortlich für die Menschen vor Ort, wenn Hunderte und Tausende von herumirrenden Bloggern quasi über sie herfallen würden.
Dazu kommt, dass wir bei etablierten Medien wissen, mit wem wir es zu tun haben. Als erfahrene Medienkonsumenten wissen wir, dass wir einen Bericht von Fox anders beurteilen müssen, als von ARD oder Al Jazeera usw. Bei einzelnen Bloggern wissen wir das vielleicht nicht, sofern sie nicht schon bekannt sind. Journalisten haben außerdem Berufsregeln, eine Ethik, Kontrollinstanzen usw. Deshalb ist es einfach völlig falsch, “Blogger” (dieser verallgemeinernde Begriff ist heute schon problemtisch) als “neue Journalisten” hinzustellen.
Und noch ein Letztes: Richard Gutjahr ist nicht der Erste, der in seinem Blog von einem Krisengebiet berichtet. Exemplarisch möchte ich nur auf “Salam Pax” hinweisen, der mit seinem Blog “Where is Raed?” aus dem Irak im Jahr 2003 und später für Aufmerksamkeit gesorgt hat, siehe http://dear_raed.blogspot.com/ und http://en.wikipedia.org/wiki/Salam_Pax

 

Nachtrag Donnerstag 3.2.2011, 9.50 Uhr: Mein Kommentar wurde auf netzwertig.com mittlerweile freigeschaltet (war wohl Spam-verdächtig geworden wegen der Links) und es sind noch Kommentare von anderen dazugekommen.

Schöner Kommentar, dem nichts

Schöner Kommentar, dem nichts mehr hinzuzufügen ist. Einen Satz kann man bei der oft hektisch geführten Web 2.0-Debatte gar nicht oft genug sagen: nämlich "...dass man das Werkzeug nicht mit dem Inhalt verwechseln darf."

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